Die Festung Leerort
Die Festung Leerort

Beim Grafen zum Tee...

Unweit der Stadt Leer befinden sich auf einer Landspitze im Mündungsbereich der Leda in die Ems Reste der einstmals größten Landesfestung der Grafschaft Ostfriesland. An strategisch idealer Stelle erbaut, konnte von der Festung Leerort aus der Verkehr auf den beiden Wasserstraßen Ems und Leda sowie die Fährstelle zwischen Leer und dem Rheiderland kontrolliert werden.

Der Name Leerort bedeutet die „Spitze von Leer“ und ist auf die charakteristische Landzunge zurückzuführen.

Im Zuge des INTERREG IVa-Projektes „Grenzland Festungsland“ fanden 2011 und 2012 archäologische Ausgrabungen im Festungsbereich statt. Sie lieferten sehr gute Einblicke in die Geschichte der heute weitgehend nicht mehr sichtbaren Anlage. Kaum vorstellbar ist, dass in Leerort einst ein stattliches gräfliches Schloss existierte, das aber 1712 abgebrochen wurde. Die folgenden Ausführungen sollen helfen, sich ein Bild davon zu machen.


Die Geschichte
Die Geschichte

Die Geschichte

Knapp 300 Jahre währte die Geschichte der einst größten Festung Ostfrieslands.

Die Ausgrabung
Die Ausgrabung

Die Ausgrabung

In zwei Abschnitten wurden bei der ehemaligen Festung Leerort in den Jahren 2011 und 2012 Ausgrabungen durchgeführt.

Die Funde
Die Funde

Die Funde

Besondere Funde erzählen von dem Prunk und Luxus im gräflichen Schloss. Das Leben der Soldaten fiel hingegen wesentlich schlichter aus.

Dieler Schanzen
Dieler Schanzen

Dieler Schanzen

Auch bei den Dieler Schanzen wurden umfangreiche Informationen gesammelt. Hier gehts lang...


Die Geschichte der Festung Leerort

Die Gründung der Festung liegt in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ob nun um 1435 oder 1450, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Klar ist jedoch, dass es Hamburger waren, die an dieser strategisch günstigen Stelle in Ostfriesland mit ihrem sog. „Blockhaus“ Präsenz zeigten. Ostfriesland, damals noch nicht als Grafschaft herausgebildet, diente Seeräubern als Refugium. Da die in jener Zeit das politische Treiben beherrschenden ostfriesischen Häuptlinge diesem Umstand kaum entgegenwirkten, sogar gelegentlich den Piraten in ihren Territorien gewährt haben sollen, wurden seitens der Hamburger Hanse Anstrengungen unternommen, Herr der Lage zu werden.

Die bei Leer errichtete frühe Befestigung ging alsbald in die Hand des Häuptlings Ulrich Cirksena über, der 1664 in den Reichsgrafenstand gehoben wurde. 1501 ließ Graf Edzard I. (der Große) das Schloss errichten. Politische Unruhen in der Grafschaft zwischen 1514 und 1517, die sogenannte Sächsische Fehde, war eine massive Bedrohung des Fortbestandes der jungen Grafschaft. Bei der Belagerung der Festung 1514 durch den Herzog Heinrich von Braunschweig war man sich auf Seiten der Angreifer siegessicher, da die Festung als nicht sonderlich gut ausgebaut galt. Nachdem der Herzog tödlich verletzt wurde, brach man die Belagerung ab. 
Graf Enno II. ließ zwischen 1528 und 1540 die Festung dann unter damals modernen Gesichtspunkten zur stärksten und größten Landesfestung ausbauen. Sie erfuhr in ihrer Geschichte jedoch keine Belagerung mehr. Ennos Nachfolger erweiterten zwar noch das Bau-Ensemble, die Größe der Anlage veränderte sich jedoch nur noch geringfügig.

1611 wurde in Folge des sogenannten Osterhusischen Akkordes, der die Machtverhältnisse zwischen dem Grafen und den ostfriesischen Landständen manifestierte, eine niederländische Garnison in der Festung untergebracht, die die Einhaltung dieses Vertrages sichern sollte. Nachdem Graf Enno III. 1625 in Leerort verstarb, verlor das Schloss an Bedeutung für die Cirksenas und verfiel zunehmend. 1712 beschloss man, das baufällig gewordene Schloss abzubrechen. 100.000 Backsteine wurden für den Bau eines Waisenhauses nach Esens abtransportiert. Der Festungscharakter blieb weiter aufrecht erhalten: Bis in das Jahr 1744 blieb die niederländische Garnison hier stationiert und wurde, nachdem die Grafschaft an Preußen fiel, von einer preußischen Kompanie abgelöst. 1749 wurde endgültig der Festung eingeläutet. Die verbliebenen Bauwerke wurden in der Folgezeit unter Friedrich dem Großen zur Tilgung von auf der Grafschaft liegender Schulden auf Abbruch verkauft.

Damit endete die gut 300 Jahre dauernde Geschichte der Festung, die nicht nur gräfliche Residenz und Festung, sondern zeitweise auch Sitz des ehemaligen Amtes Leer als politische Verwaltungseinheit der Grafschaft war. So verschwand nicht nur ein wichtiges Zeugnis der frühneuzeitlichen Entwicklung der Grafschaft, sondern zugleich eine heute sicherlich weit bekannte Besucherattraktion.


Grabung beim Schloss

Im Jahr 2012 fanden Ausgrabungen im ehemaligen Schlossbereich außerhalb des heutigen Emsdeiches statt.
Da das Schloss auf historischen Karten der Festung kaum Berücksichtigung fand, waren archäologische Untersuchungen erforderlich, um den Standort zu bestimmen.

Mit viel „Man-Power“ und Ausdauer fanden sich schließlich gut 3 m unter der heutigen Oberfläche hölzerne Fundamente für das Schloss. Rahmen aus Eichenbalken und in den Boden gerammte angespitzte Pfähle dienten als Stabilisierung des wenig standhaften Untergrundes, um die schweren Backsteinmauern zu tragen. Dendrochronologische Altersbestimmungen konnten zeigen, dass um 1500 der Schlossbau begann und dass das Schloss gegen 1550 umgebaut wurde. Letzteres Datum ist interessant, da keine der historischen Überlieferungen auf einen derart aufwändigen Umbau in jener Zeit hindeuten.

Die Schlossmauern waren im Fundamentbereich gut 1,2 m breit. Das verbaute Holz war im feuchten Kleiboden noch sehr gut erhalten. Das THW, Ortsverband Leer, half, einen der Pfähle zu bergen. Dieser 1,5 m lange Pfahl ließ sich nur mit erheblichem hydraulischen Aufwand ziehen. Das eigentliche Mauerwerk konnte hingegen nicht mehr nachgewiesen werden: Als das Schloss 1712 abgebrochen wurde, wurden die Mauern bis auf das Fundament beseitigt. Lediglich die Hölzer blieben zurück. In der mit Bauschutt verfüllten Baugrube fanden sich auch gelegentlich bearbeitete Sandsteinfragmente als Bauelemente. Sie zeigen, dass beispielsweise die Fenster mit entsprechendem gelbem Sandstein eingefasst waren. Neben Dachziegeln konnten auch vielfach Schieferplatten der Dachdeckung oder Wandverkleidung geborgen werden.

Auch ein Teil des Fußbodens des Erdgeschosses, der mit Backsteinen und Bodenfliesen gepflastert war, konnte freigelegt werden.

Unerwartet kamen bei den Ausgrabungen Baureste einer frühen Bauphase der Festung zu Tage, die unter dem heute im Deichvorland noch sichtbaren Wallanlagen verborgen lag. Diese Reste könnten daher nur vor dem Schlossbau um 1500, spätestens aber vor 1528 vor dem Errichten des Walles angelegt worden sein. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hier um die Reste des von den Hamburgern um 1435 oder 1450 errichteten sogenannten Blockhauses als erste Befestigung auf der Landspitze.

Der weiße Zwinger

Von der ehemaligen Festung sind heute nur noch wenige Teile im Ortsbild sichtbar. Eindrucksvoll erhebt sich im Ort noch der sogenannte „Weiße Zwinger“ als Rest der landseitigen Befestigung. Es handelt sich hier um eine der drei großen Bastionen, auf denen Geschütze aufgestellt waren. Der geschichtlichen Überlieferung nach ist diese Bastion in der Ausbauphase von Graf Enno II zwischen 1528 und 1540 errichtet worden. Die Ausgrabungen zeigen einen gut 5 m hoch aufgeworfenen Bastionskörper aus Klei. Dessen Krone wurde einst von einem etwa 1 m hohen Wall als Brustwehr umgeben. Dahinter verlief ein aus gelben Backsteinen (sog. Geeltjes) gepflasterter Weg, auf dem die Soldaten patrouillieren konnten.

Die Ausgrabungen haben aber auch Reste eines aus Backstein errichteten Gartenhauses geliefert. Dieses stammt aus der Zeit nach der Aufgabe der Festung. Nur wenige Jahre später wurde die Bastion zu einem repräsentativen Garten umgestaltet. Porzellanfunde unterstreichen die Funktion des dem damaligen Leeraner Postdirektor gehörenden Gartenhauses , in dem dieser geladene Gäste in romantischem Ambiente in seinem Garten mit ausgewähltem Pflanzenbestand empfangen haben mag. Mit dem sogenannten Lusthaus auf der Bastion wird der Wechsel von der militärischen Festung zur bürgerlichen Siedlung in der Mitte des 18. Jh. deutlich fassbar.


Die Funde

Bei den Grabungen im Schlossbereich wurde eine Vielzahl von keramischen Funden des täglichen Alltags gefunden. Dabei handelt es sich überwiegend um Gebrauchskeramik wie Kochtöpfe, Teller, Pfannen, aber auch Tabakpfeifen. Da es sich bei dem ehemaligen Bauwerk um ein gräfliches Schloss handelt, fehlen natürlich auch entsprechende Luxusgegenstände nicht. Die zubereiteten Speisen wurden auf Warmhaltevorrichtungen serviert. Angerichtet bzw. gegessen wurde etwa auf blau oder bunt bemalten Fayencetellern und Schüsseln. Den Gebrauch von Olivenöl aus Spanien oder Portugal als Luxus lässt sich durch Amphoren belegen. Gegessen wurde unter anderem mit Löffeln aus Zinn oder Silber. Auch ein vergoldeter Löffel fand sich.

Getränke, insbesondere Wein, wurde in aufwändig gefertigten kostbaren Gläsern genossen. Ein Teil der Gläser könnte aus venezianischer Produktion stammen. Die Getränke selbst wurden beispielsweise in Flaschen aus im Rheinland hergestelltem Steinzeug gereicht.

Auch das Fragment eines aus Sachsen stammenden Gefäßes aus dem grau-grünlichen Gestein Serpentin wurde gefunden. Im sächsischen Zöblitz gab es in der frühen Neuzeit eine sehr bekannte Serpentinverarbeitung, die in den Adelskreisen in Europa weit bekannt war. Der Fund aus Leerort zeigt, dass der ostfriesische Graf seinen Kollegen in nichts nachstand und auch zum Abnehmerkreis dieser qualitätvollen Produkte zählte. 

Verschiedene kleine Buttertellerchen und ein Eierbecher zeigen weitere Einblicke in das kulturell-gepflegte Ambiente am Tisch des Grafen.

Zahlreiche gut erhaltene Lederfragmente, teilweise sogar vollständige Schuhe, zeugen von der Schuhmode jener Zeit am Hofe des Grafen. Darunter befinden sich auch Kinderschuhe.

Zu den besonderen Funden zählen zudem eine aus Schiefer gefertigte Sonnenuhr und das Fragment einer zweiten.

Waffenfunde wie beispielsweise in der Dieler Schanze fehlen weitgehend. Dies liegt zum Einen daran, dass die Ausgrabungen hier den Schlossbereich der Festung freilegten. Außerdem wurde die Festung nach der Belagerung 1514 nie wieder ernsthaft belagert beziehungsweise in Gefechte verwickelt.

Das auf dem „Weißen Zwinger“ geborgene Fundmaterial zeigt das alltägliche Geschirr, wie man es sich bei den dort in den Mannschaftsbaracken untergebrachten Soldaten vorstellen kann. Auffällig ist eine aus Keramik hergestellte Pfeife, die einen schrillen Ton verursacht - zum Signal- oder Befehle geben sicherlich bestens geeignet.

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